Was ist für uns Nächstenliebe?

Neulich musste ich eine interessante Beobachtung machen, die mich doch sehr zum Nachdenken brachte.

Ich fuhr mit meinem Auto durch die Stadt und wurde von einem anderen Auto regelrecht verdrängt. Meine Reaktion war dementsprechend – ich war sauer. Als der Mann geradeaus fahren und ich links abbiegen wollte, mussten wir beide an der Ampel warten. Das war DIE Gelegenheit zu sehen, wer da eigentlich so rücksichtslos fuhr.Ich muss sagen, ich gucke mir die Übeltäter gerne an – mit meinem bösen Blick zeige ich es denen, dass es so nicht geht. Und immer wenn sie irritiert, ja erschrocken gucken, denke ich mir: Ha! Habe ich es dir gegeben! Jetzt wirst du von nun an besser fahren.

Wunschdenken – ich weiß.

 So stand ich nun auf einer Höhe mit dem schrecklichen Fahrer und sah ihn mir genauer an. Aber meine Wut verschwand mit einem Mal, denn da saß ein trauriger Mensch.

Er war wohl tief in Gedanken. Und genau dieser traurige Blick brachte mich zum Nachdenken. Er hat mich verdrängt, weil er in Gedanken war. Etwas machte ihn traurig. Etwas ist wohl passiert, als er losfuhr. War seine Frau gemein zu ihm? Gab es womöglich einen Todesfall? War sein Chef unfair? Seine Kinder? Seine Freunde? Hat er Geldsorgen? Was beschäftigt ihn? Und was würde passieren, wenn ich gehupt hätte, wenn ich mit meinen Händen gefuchtelt hätte? Wenn andere Menschen Fehler machen, wie reagieren wir? Oft empört, ja regelrecht sauer. Aber wissen wir eigentlich, warum andere Fehler machen?

Wir Menschen sprechen so oft von Nächstenliebe, Vergebung und einfach von mehr Rücksicht.

Aber wen meinen wir damit? Die anderen? Uns selbst?

Wie oft gibt es Nächstenliebe da draußen, einfach im Alltag? Sei es auf der Straße, beim Einsteigen in den Zug, auf dem Gehsteig, im Laden. Wenn ein Mensch mit seinem Handy telefoniert und uns versehentlich anrempelt. Wenn sich jemand vordrängelt.

Wenn jemand schlicht und ergreifend nicht das macht, was in der Gesellschaft erwartet wird.

Wie reagieren wir dann? Schenken wir ihnen ein vergebendes Lächeln oder bestrafen wir sie mit einem bösen Blick oder sogar einem gemeinen Spruch?

So hart es auch klingen mag, aber Nächstenliebe ist oft das, was man für UNS macht. Und so sollte es eigentlich nicht sein.

Der traurige Blick dieses Mannes brachte mich zum Nachdenken. Und es ist mir eine Herzensangelegenheit, euch meine lieben Leser, ebenfalls zum Nachdenken zu bringen.

Ich möchte ein falsches Fahrverhalten keineswegs verharmlosen. Leider sterben zu viele Menschen auf den Straßen, weil andere nicht aufpassen.

Aber Fehler machen die anderen oft nicht mit Absicht, sondern weil sie selbst etwas auf dem Herzen haben. Und wenn wir, die Gerechtigkeitsliebenden, noch einen drauf setzen, dann machen wir unsere Mitmenschen noch trauriger und bedrückter.

Ich frage mich einfach:

was würde passieren, wenn wir die Fehler anderer einfach weglächeln?!

Was wäre passiert, wenn ich diesen Mann angelächelt hätte?

Vielleicht hätte es sein Herz erwärmt und er würde wieder an das Gute glauben.

Vielleicht würde er zu seiner Frau (Chef, Kinder, Freunde)fahren und sich versöhnen.

Vielleicht würde er an diesem Tag einem anderen fremden Menschen helfen und so würde sich die Kette der guten Taten erweitern.

Vielleicht sollten wir Nächstenliebe endlich ausleben und nicht nur davon reden.

 Wenn wir für unsere Fehler immer nur mit bösen Reaktionen bestraft werden, stumpfen wir ab. Wir verlieren den Glauben an die Liebe und die Lust etwas Gutes zu tun.

Ein Mensch, welcher der echten Nächstenliebe begegnet, hat mehr Kraft diese weiterzugeben! Und das ist es doch, was wir alle wollen – mehr Liebe erfahren.

Denn das liegt uns allen auf dem Herzen.

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